Mélanie Gugelmann - Texts

Was heisst Kunstkritik?

Ein Vortrag von Pierre Sterckx zur Vernissage von Mélanie Gugelmann in Brüssel im September 2004

 

SERGE ZIEGLER GALERIE, ZÜRICH
 

Diese Frage hat sich bereits Baudelaire in einem bemerkenswerten Text um 1849 gestellt. Er konnte nicht wissen, dass dieselbe Frage heute abend gewissermassen als Zwischenmahlzeit, zwischen Birne und Käse, dienen würde, während der Künstler paradoxerweise die Rolle der Vorspeise zu spielen hat. Gestatten sie also, dass ich Ihnen ein Sorbet vorsetze: geeignet dazu die Urteilsfähigkeit wenigstens nicht vom der Vergnügen des Kostens zu trennen.

 

Wozu dient denn die Kritik? Kunstkritik heisst nun genau das: Beurteilen und Kosten, die Werke auf beiden Ebenen zu begleiten – auf den Ebenen, die niemand getrennt oder gar gegensätzlich behandelt sehen möchte.

 

Mélanie Gugelmann betreffend möchte ich vorausschicken, dass mich ihre Arbeit ungemein interessiert, vor allem und bevor ihre Originalität zu bewerten, weil sie sich in meinen Augen sehr treffend einem Ganzen, am Busen einer internationalen Konstellation, zuordnen lässt; einer Gruppe miteinander verwandter und - auch wenn sie sich nicht gegenseitig kennen - verbundener Schöpfer, die ich "Maler des Netzes" nennen möchte, vernetzte Maler, Künstler, würdig der medialen Herausforderung des "Web", mit all seinen virtuellen Umgebungen. Diese Künstler sind ohne Zweifel innovativ, reaktivieren dabei aber uralte Traditionen. Ihre Malerei verbindet die ältesten Webereien mit heutiger Spitzentechnologie. Ihre direkten Vorfahren sind: Seurat, Klee, Mondrian, Pollock, Viera da Silva, Boetti,... Die älteren heissen: Agnès Martin, Brice Marden, Christopher Wool, Robert Ryman, Frank Stella, Albert oehlen,... Ihre unmittelbaren Gefährten erkennt man als: Julie Mehretu, Sarah Morris, Takashi Murakami, Changha Hwang, etc.

 

Bevor ich klarstelle, welchen besonderen Platz Mélanie Gugelmann in diesem Umkreis einnimmt, möchte ich präzisieren, was der Begriff "Netz" genau bedeutet.

 

Die Wurzel des Wortes Netzwerk ist "Netz". In der englischen Sprache ein "network": nämlich ein Gewebe aus Fäden, Linien, Strassen, Kanälen der Kommunikation.

 

Netze zu weben ist eine zutiefst weibliche Tätigkeit: Weben, Sticken, Stricken, Tapisserie. Sie sind in den textilen Kunstwerken bei Loise Bourgeois oder Annette Messager neu entstanden.

 

Man muss sich jedoch hüten, darin eine minderwertige Tätigkeit zu sehen, wobei Penelope oder Arachne die mythischen Figuren sind, die gemäss Freud dem harten Gesetz der Kastration unterworfen wurden: Weben war, für die Psychoanalyse, eine Tätigkeit, die die Abwesenheit des Penis verbergen sollte.

 

Im 18. Jahrhundert hat man die Lochkartensysteme zur Automatisierung des Weberberufes erfunden es waren die gleichen Karten die die ersten Computer bedienten – die Webstühle von Jacquard benötigten 24000 Lochkarten für 400 Fäden pro Quadratzentimeter, was mich nun gleich zur Malerei von Mélanie Gugelmann führt:

 

Hier sieht man ineinander verschlungen, die Fäden einander gegenüber gestellt: Blätter von Bäumen, Fassaden, Kartographien, abstrakte technische Netze.

 

Offensichtlich eine Malerei, die es versteht, vielfache Netze zu aktivieren, aus ihnen Schichten einer heterogenen Geologie zu schaffen wo sich Vielfalt gegenübersteht und vereint.

 

Wenn sie erlauben, werde ich zum Schluss noch die beiden Begriffe Vielfalt und Heterogenität aufgreifen:

 

Das moderne Kommunikationsnetz, vom Mobiltelefon zum Grossrechner der wissenschaftlichen Forschung, ist die Antwort auf das Durcheinander der Zufälligkeiten mit der Klarheit der Uebermittlung, ist aber gleichzeitig und vor allem dazu da irgend wen mit irgendwem und irgendwas zu verbinden. Dieses Netz quillt über mit seiner heterogenen Vielfalt, neigt aber auch dazu sie zu verflachen, zu banalisieren. Ein "Netz ohne Schwanz und Kopf", sagen seine Verleumder.

 

Und genau da brauchen wir die Künstler, die Maler. Nicht um das Netz einer beliebigen Transzendenz zu unterstellen! Vor allem nicht, um uns gegen die Natur der Technik zu wenden! Sondern im Gegenteil damit sich das Netz auflöst, verwirrt, vernichtet wird, aufhört zu kommunizieren, die Unterschiede löschend...."Guten Tag, wo bist Du? – Im Autobus!"

 

Dass dieses Netz, wie bei Gugelmann (und bei Wool, Mehretu, Murakami, Oehlen) die Zeichen bersten lasse, die Knoten des Netzes unterstreichend, diese intensiviert und sie zur Kulmination führt.

 

Wenn sich der Zweig eines Astes mit einem elektrischen Gitter verbindet und sich an der Mauer eines Häuserturmes reibt, in dem Augenblick leuchtet das Gemälde auf.

 

Das Erlebnis wird so als Funktion, zum Erlebnis eines Konzeptes.

 

Pierre Sterckx

 

Anm. der Redaktion:

 

Arachne (griech. Spinne) ist in der griechischen Sage eine kunstfertige Weberin aus Lydien.